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Die Aufregung um Napster und Konsorten hat sich in den Schlagzeilen der Tageszeitungen gelegt. Wie sich die File-Sharing-Thematik weiterentwickeln wird, steht momentan in den Sternen Damit sieht man jedoch allenfalls die Spitze des Eisbergs, basiert File Sharing doch auf einem für die Computerbenutzung grundlegenden Gedanken; der Community.
Neben und größtenteils schon vor Napster haben sich im digitalen Underground Musik-Communities gebildet, in denen nicht nur Musikdateien geteilt werden, sondern auch gemeinsam an Songs gearbeitet wird.
Mittlerweile haben die Kommunikationsmöglichkeiten des Internets die Welt der Musik Communities beinahe unüberschaubar werden lassen. Dass es dabei heute einfacher als noch nie zuvor gewesen ist, an einem handelsüblichen PC zumindest halbwegs professionell klingende Musikstücke zu produzieren, hilft nicht, die Menge der Communities überschaubarer zu machen. Von den einzelnen Tracks ganz zu schweigen. Musikarchive wie mp3.com oder Besonic, die ebenfalls mit dem Community-Gedanken hausieren gehen, quellen über von zusammengeflickschusterten Drum and Bass- und Trance-Tracks, die der Welt gerade noch gefehlt haben. Dies war auch einer der Gründe, die den ehemaligen etoy-Aktivisten Carl dazu bewogen haben, zusammen mit Freunden aus Basel eine eigene Musik-Community zu gründen: Micromusic. Für ihn steht neben der Musik vor allem die Möglichkeit, mit anderen Communitymitgliedern kommunizieren zu können, im Vordergrund.
Micromusic
Bekannt ist die Schweiz vor allem für ihre Banken, ihren Käse und das Schwytzerdütsch. Eigentlich hätte ich ja mit letzterem rechnen müssen, als ich Carl, einen der Initiatoren von »Micromusic« im Londoner Trocadero-Centre treffe. Trotzdem bin ich kurz überrascht und muss einen Moment lang an DJ Bobo denken. Blöder Gedanke aber auch.
Einen Tag später trifft sich der harte Kern von »Micromusic« im Londoner Club »Spitz« zum »Microfestival« mit sieben Microartists aus Schweden (Psilodumputer, The Dead Guys), Großbritannien (Droidboiler, Gwem, Lektrogirl), Deutschland (Bodenständig 2000) und den USA (Pippilina). Und schon wieder trifft mich dieses merkwürdige Gefühl, wenn sich hinter den Chatlines der dazugehörige Kopf hervorschält und den Buchstaben eine Stimme gibt. Lektrogirl, eine der Organisatorinnen des Treffens, hört man an, dass sie von down under kommt, Sinusjog entpuppt sich als ein quirliger Belgier, der dem Gegenüber sein Englisch mit französischem Einschlag dermaßen flink um die Ohren schlägt, dass man die Turbotaste des Gehirns drücken muss, um nicht den Faden zu verlieren. Da dieses Treffen nicht das erste Offline-Treffen der Community ist, kennen sich manche Mitglieder schon untereinander. Als man zum ersten mal den Sprung zum Treffen jenseits Internets wagte, war das stellenweise noch anders. »Einige sind anfangs noch etwas schüchtern gewesen«, erinnert sich Carl, »aber das hat sich dann schnell gegeben.«
Angefangen hatte »Micromusic« 1999. Carl war gerade bei dem Webkunstprojekt »etoy« ausgestiegen, weil es nicht wirklich musikorientiert war, was ihm eigentlich vorschwebte. Mit Freunden aus Basel wollte er eigentlich ein Musiklabel gründen, ist dann aber auf die Idee umgeschwenkt, eine Website zu machen. Als er zur gleichen Zeit Archive mit C64-Gamesoundtracks entdeckt hatte, war auch die musikalische Richtung klar: »Low tech music for High tech people!« Am Anfang war noch relativ wenig Verkehr auf der Site. »Da hatten wir Zeit, am Interface zu feilen.«
»Mein Anhaltspunkt war, die C64-Mailboxwelt in die heutige Zeit zu übersetzen«, erklärt Carl. In der Tat unterscheidet sich das Micromusic-Interface von einer normalen HTML-Seite, denn die Oberfläche ist auf direkte Kommunikation hin ausgelegt, wie man es im WWW selten trifft. Neben dem Standardangebot, also Musik runterladen, News lesen etc. gibt es unten links auf der Website noch ein kleines Frame, in dem alle derzeit eingeloggten User aufgelistet sind, mit denen man über JavaScript-Eingabeboxen chatten kann.
Im Gegensatz zu kommerziellen MP3-Archiven werden bei Micromusic nicht alle hochgeladenen Tracks veröffentlicht. Das mag im Vergleich zu »Mp3.com« zunächst elitär und wie ein Rückschritt zu den Gebaren eines herkömmlichen Plattenlabels erscheinen, aber wer den Frust kennt, wenn man nichts Aufregendes bei »Mp3.com« findet, der wird einen solchen Service zu schätzen wissen. Wer auf Abseitiges und Experimentelles à la Warp Records steht und gegen Computerspielsounds generell nichts einzuwenden hat, kann bei Micromusic bedenkenlos Stücke runterladen, ohne davon enttäuscht zu werden. Pippilina aus San Francisco ist vor allem deswegen bei Micromusic hängen geblieben: »Ich bin auf Lektrogirls Website auf den Link zu Micromusic gestoßen. Ich hörte in ein paar Tracks rein und dachte: WOW! Diese Leute sind unglaublich. Es ist wirklich, als wäre man auf eine Goldader gestoßen.« Mit der Best-of-Compilation »Micro_Superstarz 2000« hat sich der Microvirus aus dem Netz in die Musikzeitschriften weiterverbreitet, und die zweite Micromusic-Platte ist Anfang November in Basel veröffentlicht worden. Dieses mal keine CD, sondern eine 12"-Maxi-Single auf Vinyl. Titeltrack ist »You're so full of SID« von dem Schweden Psilodumputer. Die Remixe auf der B-Seite kommen aus der Community. Die Micromusic-Initiatoren hatten einen Remixwettbewerb ausgeschrieben und die besten Einsendungen zur Wahl gestellt.
Mittlerweile fürchtet Carl weniger, dass es den Mitgliedern zu langweilig werden würde, sondern dass es zu viele werden. Der Durchbruch ist gekommen, als sich mit Drx (Bodenständig 2000), Lektrogirl und Cylob ein Schwung von Rephlex-Musikern bei Micromusic angemeldet hatte: »Die Leute haben dann plötzlich nachgefragt, wenn einen Monat lang nichts mehr released worden ist.« Aber die Gefahr sieht Carl nicht in Usern, die beleidigt sind, wenn es einen Monat keinen neuen Track gibt, sondern darin, dass die Community zu groß und damit zu unpersönlich wird: »Wir müssen es klein halten. Es ist Micromusic. 20 000 Members machen keinen Sinn. Ich vergleiche es immer mit einer Bar oder mit einer Lounge: Wenn Du zwanzig Leute da hast, ist es Fun und Du kannst mit allen sprechen, aber bei tausend ist es unmöglich, das Ganze im angenehmen Rahmen zu halten und die Leute pissen in die Ecke, werfen die Zigarettenstummel auf den Boden und ich darf’s dann wieder aufputzen.«
Zumindest beim harten Kern der User – etwa zwanzig bis dreissig schauen täglich bei Micromusic rein, um die 150 mindestens einmal pro Woche – wird sich Carl nicht wegen virtuellen Uringestanks sorgen müssen – auch wenn das »Spitz« mit deutlich mehr als zwanzig Leuten gefüllt war. Am Ende hatte sich Carls Hoffnung in die Community erfüllt, nämlich dass die Menschen hinter dem Web-Browser erscheinen.
Die 12"-Single »You're so full of SID« und die CD »Micro_Superstarz 2000« sind bei dem Schweizer Plattenlabel Domizil erschienen.
Letztlich geht der Community-Gedanke im Computerbereich fast zurück in die Anfänge der Computerei. 1967 hatte Ted Nelson, damals ein abgebrochener Harvard Student, eine bis dato revolutionäre Idee, Wissen und Information zu speichern. Nicht als gebundenes Buch, sondern als einzelne Dokumente, die durch Verweise untereinander in Zusammenhang stehen sollten – Xanadu nannte Nelson sein Hypertextkonzept. Jeder sollte sein Wissen mit anderen nicht nur teilen, sondern Texte fremder Leute in den eigenen Kontext einbinden können. Die Grenzen zwischen Dein und Mein sollten in »Xanadu« verschwimmen. Nelsons Utopie ist immer wieder am Finanziellen gescheitert. Heute sind seine Vorstellungen teilweise ins WWW eingeflossen.
Die ersten funktionierenden Communities konnten sich erst in den 80er Jahren etablieren, als mit den 8 Bit-Heimcomputern die kritische Masse an potentiellen Mitgliedern erreicht war. Die Frage nach dem geistigen Eigentum, die Nelson in Xanadu in der Schwebe gelassen hatte, wurde nun in fröhlicher Anarchie unterlaufen: Crackergruppen beseitigten den Kopierschutz von Spielen, fügten einen Vorspann hinzu und ließen die Disketten kursieren. Doch das illegale Kopieren allein ist nur die eine Hälfte. Mindestens ebenso wichtig waren die Cracker-Intros, mit der sich die Gruppen wahre Schlachten darum lieferten, wer die besseren Programmiertricks auf Lager hatte. Während ein Teil der Szene sich vornehmlich aufs Cracken konzentrierte, wurde für den anderen der Wettstreit um den besten Programmcode wichtiger, so dass auch Intros ohne das dazugehörige Spiel gecodet wurden – das Computerdemo war geboren. Privat standen fast alle Demomusiker zwar eher auf Metal und Industrial, aber trotzdem ist der Geist von Hip Hop und den jamaikanischen Soundsystems mit auf die Floppy Disks gespeichert worden.Es ging nur nicht mehr um den lautesten Sound und das gewiefteste DJ-ing, sondern um die bunteste Graphik den fettesten Chipsound. Allerdings waren die damaligen Musikstücke größtenteils mit von den Musikern selbstgeschriebenen Programmen komponiert worden, die nur in begrenztem Umfang auch anderen Musikern oder gar den Zuhörern zur Verfügung standen. Das änderte sich erst 1987.
In diesem Jahr veröffentlichte Karsten Obarski für den Amiga ein nach heutigem Standard eher unscheinbares Programm namens »The Ultimate Soundtracker«. Damit konnte man Soundsamples in vier Spuren als Instrumente abspielen. Echten Stereosound suchte man vergebens, externe Geräte wie Synthesizer konnten nicht angesprochen werden. Revolutionär war Obarskis »Soundtracker« wegen seiner Musikeingabe – in Kolumnen wurden Tonhöhen und Effekte eingegeben, die das Programm der Reihe nach abarbeitete – und vor allem wegen seines Dateiformats »MOD«, in dem neben den Musikinformationen auch alle Samples gespeichert werden. Damit hatte jeder Interessierte direkten Zugang zum Sourcecode eines Tracks und konnte somit die Tricks lernen oder hatte gleich alles Nötige, um einen Remix zu basteln.
Als mit dem WWW das Internet begann, sich vom Informations- zum Unterhaltungsmedium zu wandeln, veränderte sich auch die Trackerszene. Wurden Musikstücke zuvor über Mailboxen, Disketten und als Soundtrack von Demos verteilt, so wanderten die Tracker nach und nach ins Netz ab. Aus der »Music Group« wurde das »Net Label« und die Nabelschnur zur Demoszene wurde getrennt. »Um kreativ zu bleiben muss man manchmal eben einen 100 MB-Track schreiben. Versuch das mal in einem Demo unterzubringen«, so Michael Lazarev von »United Trackers« und betont den Abstand zwischen Tracker- und Demoszene im Jahr 2001 indem er fragt: »Releasen die überhaupt noch Demos?«
Relativ fix wurde der Soundtracker erweitert und Clones von anderen Programmierern tauchten auf, die zwar neue Features in die Programme einbauten, aber am grundsätzlichen Konzept nichts änderten. Aktuelle Tracker haben den Sprung vom Amiga nach DOS und weiter zu Windows oder MacOS getan.
Die vierte Generation der Tracker wie Jeskola Buzz und »Psycle« ist dann mit Softsynths, also Programmen, die die Klangsynthese eines Synthesizers emulieren, zu einem Hybrid-Tool mutiert. So kochen die »MadTracker« ein etwas anderes Süppchen als die »Buzzer« und die Frage nach dem Tracker ist wie seinerzeit die Frage: Commodore oder Atari? Les Paul oder Stratocaster?
Die Buzz-Community
Die Herkunft aus der Trackerecke kann »Buzz« teilweise nicht verleugnen, teilweise erinnert es eher an Softsynths wie »Reaktor«. In der Tat versteckt sich hinter dem Programm auch eine Mischung aus beiden – Noten, Effektparameter und Songaufbau werden ganz Trackerstyle eingegeben, aber statt gesampelter Instrumente werden sogenannte »Machines« gesteuert, also Zusatzmodule, die Töne erzeugen (»Generators«) oder verändern (»Effects«). Der Clou daran ist, dass die Machines mit den entsprechenden Programmiertools selbst gemacht werden können – unter der Voraussetzung, dass sie, wie auch das Mutterprogramm »Buzz« selbst, kostenlos verteilt werden.
Da die Machines nicht in den Songdateien gespeichert werden, ist der Vorteil des Trackerkonzepts, dass Instrumente und Eventliste in einer Datei sind, wieder dahin. Mit dem »Machine is missing«-Fehler hat sicher jeder Buzzer mindestens einmal Bekanntschaft gemacht. Wenn jedoch alle benötigten Dateien gefunden wurden und der eigene Computer nicht zu lahm ist, liegt wie bei den MODs alles offen vor einem und kein Kniff bleibt verborgen. Den nächsten Schritt über den Remix vorhandener Tracks hinaus hat ein Teil der Buzz-Community schon gemacht. Ein Teil der Buzzer hat sich zu sogenannten Buzz-Jams zusammengefunden. Live wird zwar nicht gejammt, aber eine Gruppe von Komponisten macht sich über ein Riff etc. her, das einer der Jammer in den Ring wirft, und anschließend wird versucht, daraus kollaborativ einen Song zu basteln. Anfängliche Euphorie kann zwar relativ schnell nachlassen, wie die vielen abgebrochenen Jams zeigen, aber ab und an kommt doch noch ein Ergebnis zu Stande.
Für den Musiker ergibt sich die manchmal etwas obskur anmutende Situation, dass die wahren Stars der Buzz-Community neben dem finnischen »Buzz«-Programmierer Oskari Tammelin in erster Linie einige der Programmierer der Machines sind. In Mailing-Listen und IRC-Channels wird zwar auch über Musik diskutiert, aber die reinen Buzz-Komponisten stehen im Ansehen innerhalb der Community unterhalb der Starprogrammierer. Eine Situation, mit denen diese jedoch eher unzufrieden sind. Oskari Tammelin ist unter den »Buzz«-Anwendern für so manche harsche Mitteilung berüchtigt, die mitunter den Eindruck entstehen läßt, er würde sich um die Wünsche und Vorschläge der »Buzz«-User nicht kümmern. Er selbst sieht dieses Verhältnis ganz trocken: »Ich habe seit Jahren von keinem wirklich neuen Feature gehört. Ich weiß auch sehr gut, was ich mache«, und um seine Rolle als Mastermind der Buzz-Community hat er sich auch nicht geschlagen: »Wenn sie sich doch nur nicht so viel beschweren würden.« Der Holländer Stijn Kuipers, der unter dem Pseudonym Zephod einer der profiliertesten Programmierer der Community ist und dessen Machines völlig zurecht zum Besten gezählt werden, was »Buzz« passieren konnte, hat aus seinen negativen Erfahrungen die Konsequenz gezogen, nichts mehr für Buzz zu programmieren: »Ich hab’ die Typen einfach satt, die mir ständig vorwerfen, dass ich auf niemanden hören würde, obwohl ich die ganzen Machines als Freeware veröffentlicht habe, weil neben mir noch ein paar andere denken, dass sie jemandem etwas nützen könnten.«
Offizielle Buzz-Site: http://www.jeskola.com
Für Einsteiger: http://www.scene.de/djlaser
Buzz Jams: http://groups.yahoo.com/group/buzz-jam/
Größtes Archiv an Buzz-Machines: http://www.buzzmachines.com
Von den Werkzeugen unabhängig konnte der digitale Underground erst mit der Popularität des MP3-Formats werden. Zuvor war man darauf angewiesen, dass man den entsprechenden Tracker oder zumindest ein Abspielprogramm für eines der zahlreichen MOD-Varianten hatte. Ein MP3-Datei kann man nur anhören – wie der Track aufgebaut ist und welche kompositorischen Tricks angewendet wurden ist nicht mehr erkennbar. Michael Lazarev sieht darin weniger einen Widerspruch, vielmehr wenden sich MOD- und MP3-Format an ein jeweils anderes Publikum – MOD und seine unzähligen Derivate sind für Musiker interessant, MP3 für Fans.
Die C-64-Community
Wie sich die Diskussionen doch gleichen! Schon in den 80er Jahren stritt man sich (damals noch in Mailboxen) über den Umgangston, die Netiquette. In e-Mail-basierten Communities von heute hat sich zumindest in dieser Hinsicht nichts geändert – egal, ob um die Neuigkeiten eines Programms oder um die neuesten C64-Remixe geht. Der Streit, ob eine Mail in der Liste off topic war oder nicht, nimmt manchmal bizarre Züge an.
Im Falle der C64-Remix-Community ist dies ja durchaus passend, war doch Commodores legendärer »Brotkasten« einer der klassischen Computer gewesen, mit dem man sich mittels über den Hörer gestülptem Akustikkoppler in Mailboxen einwählen konnte. Gedacht war die C64rmx-Liste anfangs als zentrale Anlaufstelle für die Remixerszene, die zuvor noch auf Dutzenden von Hompages verstreut war. »Es war harte Arbeit, mit den neuen Mixes ständig up to date zu bleiben«, beschreibt Kai Spitzley, Initiator der Mailing Liste die damalige Situation. Er hatte im Mai 2000 die Liste bei »eGroups« (heute »Yahoo Groups«) eingerichtet und alle Sites zu C64-Musik nach e-Mail-Adressen durchforstet (»wie ein mieser Spammer«), um seine Liste bekannt zu machen.
Diskussionen wollte Kai in der Anfangszeit möglichst klein halten: »Ich hab von Anfang an einiges an unnötigem Traffic befürchtet, weil gerade bei einem so subjektiven Thema wie Remixes endlos sinnlos diskutiert werden kann. Deshalb waren auch die Richtlinien zu Beginn relativ straff. Nach ein paar Umfragen stellte sich heraus, dass die Leute nichts gegen etwas Diskussion haben, also werden wir uns (hoffentlich) nach einiger Zeit auf einen gemeinsamen Nenner einpendeln.« Verhindern kann man es allerdings nicht, dass sich ab und zu mal ein eher nebensächlicher Thread verselbständigt. Als zum Beispiel in der dänischen Fernsehsendung »Music Bureau« eine Folge nur zum C64 und seinen Remixern ausgestrahlt wurde, hatten die dortigen Listenteilnehmer eine untertitelte Version zusammengestellt – und die Frage nach dem Dateiformat beherrschte eine Woche die Liste.
Durch die Liste als Anlaufstelle und Informationsbörse der C64-Remixer ist die Community überhaupt erst entstanden, glaubt Kai, auch wenn die Liste nicht der einzige Ort von Remixern ist. Im Dogma-Land Dänemark betreibt Jan Lund Thomsen »R:K:O:«, ein MP3-Archiv, das sich auf C64-Remixe spezialisiert hat, und das Webmagazin »Remix64« schließt die Lücke zwischen dem puristischen Ourfit einer ASCII-Mailingliste und der reinen MP3-Sammlung, so dass alle drei Sites in gemeinsamer Symbiose die Remix-Community bilden.
Wie schon fast jede andere Subkultur zuvor ist auch die C64-Remix-Szene konservativ geworden und hangelt sich zwischen manchmal etwas drögen Dance Remixen im Boom-Tschack-Stil und Neuarrangements im MIDI-Sound hindurch. Einer Diskussion, in welche musikalische Richtung sich die Community entwickeln soll, ist lange Zeit ausgewichen worden, und die Reviews der Liste sind oftmals auf einem sehr persönlichen Niveau gependelt, ohne sich auf ein irgendwie höheres reflexives Niveau als »Great work, pal!« zu begeben. Wohlgemerkt nicht immer. Einig ist man sich in zwar erster Linie über eine eher traditionelle Vorstellung von Remixen: Sie sollten sich nicht zu sehr vom Original entfernen. Remixe im Stil von »Oval« oder »Autechre« sind selten und werden im Allgemeinen auch mit Unverständnis begegnet, und wenn sich ein Remix auf etwas weniger erkennbare Bestandteile wie den Groove statt der Melodie stützt macht ihm dies auch nicht unbedingt leichter, Anerkennung zu finden.
Aber ab einer bestimmten Größe muss sich eine Community solchen grundsätzlichen Fragen stellen. Da die Anzahl der neuen Tracks auf »R:K:O:« langsam unübersichtlich geworden ist, hat Webmaster Jan Lund Thomsen die Entscheidung getroffen zu selektieren. Die Diskussion über diese Entscheidung ist schon ins Laufen gekommen.
Gleichzeitig hat sich mit MP3 der Community-Gedanke über die Tracker- und Elektronikszene hinaus ausgebreitet. Plötzlich war es relativ einfach, Musik an den etablierten Vertriebskanälen vorbei zu releasen. David Bowie hatte es mit »Telling Lies« vorgemacht, wie man – wohlgemerkt noch vor MP3 – eine Single übers Netz unter die Leute bringt. Neben den Trackern hatten nun auch Analogrocker das Internet als Werbefläche entdeckt. »Mp3.com« war 1997 eine der ersten Anlaufadressen für Musik junger Bands ohne Plattenvertrag. Labelgründer Michael Robertson hatte sich lange Zeit als Vorkämpfer für netzbasierte Musikdistribution profiliert und sich in Interviews als der Revolutionär der Musikindustrie dargestellt. Mittlerweile ist der Lack allerdings etwas abgeblättert. Nicht nur, weil MP3.com im ersten Quartal diesen Jahres von Universal-Vivendi aufgekauft worden ist und somit nach Napster die prominenteste Musik-Website in die Hände der Medienmultis gefallen war, sondern auch weil zuvor schon aus der Trackerszene immer wieder gegen Robertsons Firma gemosert wurde: Tokyo Dawn Records, ein Weblabel aus der Trackerszene beispielsweise verlagerte seine Songs wegen des Geldhungers der Kalifornier auf eine eigene Website (http://www.tokyodawn.org/whytokyodawnleftmp3com.txt), oder Andreas Viklund von dem schwedischen Elektronik-Duo »Lagoona klagte über ein undurchsichtiges Chartsystem der Site und den von »Mp3.com« geäußerten Vorwurf, die Downloads auf ihrer Seite wären durch Tricksereien zu Stande gekommen. Fragt man bei den Betroffenen nach, so wollen sie die damals geäusserte Kritik in dieser Schärfe nicht mehr gelten lassen, ein etwas ungutes Gefühl bleibt aber dennoch.
Der surfende Konsument steht hingegen vor einem ganz anderen Problem. Anfang Juni 2001 gab »Mp3.com« bekannt, daß der einmillionste Song hochgeladen worden wurde. Eine Auswahl hinsichtlich der Qualität gibt es dort nicht und so kommt es dem Hörer zu, aus der Menge an Tracks die interessanten herauszufinden. In der Pressemitteilung brüstet sich das Label, dass man bei zehn Songs pro Tag 274 Jahre benötigen würde, um alles anzuhören.
In seiner jetzigen Form stellen kommerzielle Musikanbieter im Internet und die Communities keine wirkliche Gefahr für den herkömmlichen Musikvertrieb dar. Das oft unüberschaubare Angebot und die fehlenden Orientierungshilfen der MP3-Lagerhallen machen es in erster Linie vom Zufall abhängig, was man findet. Größere Chancen könnten sich für kleinere Sites wie »Micromusic« oder die Remix-Szene um alte C64-Soundtracks auftun, in denen (stellenweise sehr deutlich und direkt) nach Qualität gesiebt wird und in denen neben der Musik selbst vor allem die Kommunikation von Musikern untereinander und mit den Konsumenten wichtig ist. Gezahlt wird nicht in harter Währung sondern mit der Aufmerksamkeit, die man bereit ist, einem anderen zu geben. Aber es ist nicht dieselbe, die man »Viva« oder dem Radio zukommen lässt. Wer eine Community erleben will, muss daran teilnehmen, der muss gleichzeitig auf Empfangen und auf Senden schalten. Ansonsten bleibt jede Community ein blutleeres Erlebnis mit schalem Nachgeschmack. Britney Spears wird es schwer haben, sich dort auszubreiten. Im digitalen Untergrund zählen Ecken und Kanten – Es lebe die Nische!
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