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Micromusic
Bekannt ist die Schweiz vor allem für ihre Banken, ihren Käse und das Schwytzerdütsch. Eigentlich hätte ich ja mit letzterem rechnen müssen, als ich Carl, einen der Initiatoren von »Micromusic« im Londoner Trocadero-Centre treffe. Trotzdem bin ich kurz überrascht und muss einen Moment lang an DJ Bobo denken. Blöder Gedanke aber auch.
Einen Tag später trifft sich der harte Kern von »Micromusic« im Londoner Club »Spitz« zum »Microfestival« mit sieben Microartists aus Schweden (Psilodumputer, The Dead Guys), Großbritannien (Droidboiler, Gwem, Lektrogirl), Deutschland (Bodenständig 2000) und den USA (Pippilina). Und schon wieder trifft mich dieses merkwürdige Gefühl, wenn sich hinter den Chatlines der dazugehörige Kopf hervorschält und den Buchstaben eine Stimme gibt. Lektrogirl, eine der Organisatorinnen des Treffens, hört man an, dass sie von down under kommt, Sinusjog entpuppt sich als ein quirliger Belgier, der dem Gegenüber sein Englisch mit französischem Einschlag dermaßen flink um die Ohren schlägt, dass man die Turbotaste des Gehirns drücken muss, um nicht den Faden zu verlieren. Da dieses Treffen nicht das erste Offline-Treffen der Community ist, kennen sich manche Mitglieder schon untereinander. Als man zum ersten mal den Sprung zum Treffen jenseits Internets wagte, war das stellenweise noch anders. »Einige sind anfangs noch etwas schüchtern gewesen«, erinnert sich Carl, »aber das hat sich dann schnell gegeben.«
Angefangen hatte »Micromusic« 1999. Carl war gerade bei dem Webkunstprojekt »etoy« ausgestiegen, weil es nicht wirklich musikorientiert war, was ihm eigentlich vorschwebte. Mit Freunden aus Basel wollte er eigentlich ein Musiklabel gründen, ist dann aber auf die Idee umgeschwenkt, eine Website zu machen. Als er zur gleichen Zeit Archive mit C64-Gamesoundtracks entdeckt hatte, war auch die musikalische Richtung klar: »Low tech music for High tech people!« Am Anfang war noch relativ wenig Verkehr auf der Site. »Da hatten wir Zeit, am Interface zu feilen.«
»Mein Anhaltspunkt war, die C64-Mailboxwelt in die heutige Zeit zu übersetzen«, erklärt Carl. In der Tat unterscheidet sich das Micromusic-Interface von einer normalen HTML-Seite, denn die Oberfläche ist auf direkte Kommunikation hin ausgelegt, wie man es im WWW selten trifft. Neben dem Standardangebot, also Musik runterladen, News lesen etc. gibt es unten links auf der Website noch ein kleines Frame, in dem alle derzeit eingeloggten User aufgelistet sind, mit denen man über JavaScript-Eingabeboxen chatten kann.
Im Gegensatz zu kommerziellen MP3-Archiven werden bei Micromusic nicht alle hochgeladenen Tracks veröffentlicht. Das mag im Vergleich zu »Mp3.com« zunächst elitär und wie ein Rückschritt zu den Gebaren eines herkömmlichen Plattenlabels erscheinen, aber wer den Frust kennt, wenn man nichts Aufregendes bei »Mp3.com« findet, der wird einen solchen Service zu schätzen wissen. Wer auf Abseitiges und Experimentelles à la Warp Records steht und gegen Computerspielsounds generell nichts einzuwenden hat, kann bei Micromusic bedenkenlos Stücke runterladen, ohne davon enttäuscht zu werden. Pippilina aus San Francisco ist vor allem deswegen bei Micromusic hängen geblieben: »Ich bin auf Lektrogirls Website auf den Link zu Micromusic gestoßen. Ich hörte in ein paar Tracks rein und dachte: WOW! Diese Leute sind unglaublich. Es ist wirklich, als wäre man auf eine Goldader gestoßen.« Mit der Best-of-Compilation »Micro_Superstarz 2000« hat sich der Microvirus aus dem Netz in die Musikzeitschriften weiterverbreitet, und die zweite Micromusic-Platte ist Anfang November in Basel veröffentlicht worden. Dieses mal keine CD, sondern eine 12"-Maxi-Single auf Vinyl. Titeltrack ist »You're so full of SID« von dem Schweden Psilodumputer. Die Remixe auf der B-Seite kommen aus der Community. Die Micromusic-Initiatoren hatten einen Remixwettbewerb ausgeschrieben und die besten Einsendungen zur Wahl gestellt.
Mittlerweile fürchtet Carl weniger, dass es den Mitgliedern zu langweilig werden würde, sondern dass es zu viele werden. Der Durchbruch ist gekommen, als sich mit Drx (Bodenständig 2000), Lektrogirl und Cylob ein Schwung von Rephlex-Musikern bei Micromusic angemeldet hatte: »Die Leute haben dann plötzlich nachgefragt, wenn einen Monat lang nichts mehr released worden ist.« Aber die Gefahr sieht Carl nicht in Usern, die beleidigt sind, wenn es einen Monat keinen neuen Track gibt, sondern darin, dass die Community zu groß und damit zu unpersönlich wird: »Wir müssen es klein halten. Es ist Micromusic. 20 000 Members machen keinen Sinn. Ich vergleiche es immer mit einer Bar oder mit einer Lounge: Wenn Du zwanzig Leute da hast, ist es Fun und Du kannst mit allen sprechen, aber bei tausend ist es unmöglich, das Ganze im angenehmen Rahmen zu halten und die Leute pissen in die Ecke, werfen die Zigarettenstummel auf den Boden und ich darf’s dann wieder aufputzen.«
Zumindest beim harten Kern der User – etwa zwanzig bis dreissig schauen täglich bei Micromusic rein, um die 150 mindestens einmal pro Woche – wird sich Carl nicht wegen virtuellen Uringestanks sorgen müssen – auch wenn das »Spitz« mit deutlich mehr als zwanzig Leuten gefüllt war. Am Ende hatte sich Carls Hoffnung in die Community erfüllt, nämlich dass die Menschen hinter dem Web-Browser erscheinen.
Die 12"-Single »You're so full of SID« und die CD »Micro_Superstarz 2000« sind bei dem Schweizer Plattenlabel Domizil erschienen.
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