Zu Walter Moers' »Wilde Reise durch die Nacht«
Walter Moers ist scheinbar nicht leicht zu erfassen: Zum einen ist er der Schöpfer des beliebten Käpt’n Blaubär, der im Kinderprogramm der ARD phantasievolles Seemannsgarn spinnt, zum anderen hat er aber auch das anarchische Kleine Arschloch und den Alten Sack erfunden – zwei Figuren, die in der deutschen Mainstreamkultur die Grenzen des Publizierbaren immer wieder ausloten. Die immensen Verkaufszahlen seiner Bücher haben ihm bei Eichborn, seinem Verlag, nahezu uneingeschränkte Narrenfreiheit eingebracht, wie er in einem Interview in der »Zeit« erläuterte. Vom Comic hat sich Walter Moers in den letzten Jahren jedoch ab- und der Literatur zugewendet. »Wilde Reise durch die Nacht« ist nun schon der dritte Roman von ihm, und der erste Moers-Roman mit Illustrationen von Gustave Doré.
Beim Schreiben hat sich Moers auf ein erzählerisches Experiment
eingelassen. Grundlage der Geschichte sind 21 Holzschnitte des
französischen Illustrators, anhand derer Moers die »Wilde Reise« des
zwölfjährigen Gustave Doré entwickelt. Gustave, ein aufgeweckter Junge,
wird als Kapitän eines Segelschiffes Opfer des Zwillingstornados, kann
dem Tod aber sein Leben abringen – vorausgesetzt, ihm gelingt es in
einer Nacht, sechs Aufgaben zu lösen, die ihm der Tod stellt. Eine
schöne Jungfrau soll er aus den Klauen eines Drachen befreien, einen
Gespensterwald möglichst auffällig durchqueren, die Namen von sechs
Riesen erraten, einen Zahn vom »Schrecklichsten Aller Ungeheuer«
erringen und sich selbst begegnen. Sind diese fünf Aufgaben gelöst,
will ihm der Tod in seinem Haus auf dem Mond die letzte stellen.
Moers’ Roman hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Die
Geschichte ist äußerst phantasievoll und spannend erzählt. Hat man erst
einmal zu lesen begonnen, fällt es schwer, das Buch vor der letzten
Seite wegzulegen. Es wimmelt darin von sympathischen Figuren, etwa
Gustaves sprechendes Ross Pancho Sansa, das ihn über weite Strecken
seiner Erlebnisse begleitet. Andererseits wird das phantastische
Universum des Romans ständig durch zynische Ironie gebrochen: Der Tod
entpuppt sich rasch als lebensmüder Zyniker, der mit seiner verrückten
Schwester Dementia ständig im Streit liegt, die schönen Jungfrauen
befinden sich zumeist gar nicht in der Hand von Drachen, sondern
betreiben eine Drachensaftfabrik. Und mehr zu verraten würde die
Lektüre des Buches jedoch schmälern. Die ganze Geschichte ist
durchdrungen von einer unterschwelligen Todesfurcht, die gleichzeitig
auch die Sehnsucht nach dem Tod und Nihilismus ist. Moers legt es zwar
darauf an, die Phantasiewelt in Dorés Illustrationen zu entzaubern und
ideengeschichtlich auf den Stand des 21. Jahrhunderts zu bringen,
gleichzeitig aber nimmt er sie ernst. Diese Mischung aus Ironie und
Ernsthaftigkeit gibt der Geschichte eine zusätzliche Meta-Ebene, die
ohne vordergründiges Spiel mit Fiktionsebenen auskommt.
Aber das Problem liegt in den Illustrationen von Doré. Sie sind unterschiedlichen Werken des Franzosen entnommen und neu angeordnet worden. Da finden sich Bilder zu Poes Gedicht »The Raven«, Coleridges Ballade »Rime of the Ancient Mariner« und Dantes »Divina Commedia« neben denen zu Cervantes’ »Don Quichote«, so dass man bei jeder Illustration dazu verführt wird, den neuen Inhalt, den Moers den Bildern gibt, mit dem ursprünglichen zu vergleichen. So aber schwebt der Leser kurzfristig zwischen zwei verschiedenen Texten. Von der Geschichte aus betrachtet, hat Moers Dorés Bilder nahtlos integriert, aber störend wirkt, dass sie in der Reihenfolge, in der sie in Moers’ Roman abgebildet sind, sie ihre unterschiedliche Herkunft nicht verleugnen können. Er deutet unterschiedliche Ritterfiguren als seine Figur Gustave Doré - und Gustave sieht deshalb je nach Quelle anders aus. Dies kann Moers zwar teilweise verbergen, indem er die Änderungen der Rüstung auch im Text erwähnt, aber die heterogenen Drucktechniken sowie die stilistischen Unterschiede der verschiedenen Schaffensperioden Dorés stehen sich in den Graphiken unverbunden gegenüber. Dies kann man als unvermeidliche Schwachstelle von Moers’ Vorgehensweise bei »Wilde Reise durch die Nacht« betrachten – oder als beabsichtigten Verfremdungseffekt.
Walter Moers
Wilde Reise durch die Nacht
Frankfurt a. Main: Eichborn 2001, 206 Seiten, 20,35 Euro
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